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Halle drohte das Schicksal Dresdens

Am 17. April 1945 war der Zweite Weltkrieg in der Saalestadt zu Ende

Die amerikanischen Truppen waren von Trotha kommend am 15. April in heftigen Straßenkämpfen mit Panzerunterstützung bis zum Zoo in Halle vorgedrungen. Das amerikanische Heeresoberkommando drängte auf baldige Einnahme der Stadt. Deshalb wurden von Flugzeugen aus Tausende Flugblätter abgeworfen, in denen an die Hallenser appelliert wurde, ihre Stadt zu übergeben. Um der Bevölkerung den Ernst der Situation bewusst zu machen, beschoss amerikanische Artillerie die Stadt, wobei der Rote Turm getroffen wurde und schließlich als brennende Fackel zu Boden stürzte.

Der Oberbürgermeister von Halle, Prof. Dr. Dr. Johannes Weidemann, dem es zugekommen wäre, die Interessen der ihm anvertrauten Stadt direkt beim Kampfkommandanten Generalleutnant Rathke zu vertreten, lehnte dies unter Hinweis auf seine hohe SS-Funktion ab und überließ diese Aufgabe dem Universitätsprofessor Dr. Lieser. Rathke verschloss sich den Argumenten Liesers durchaus nicht, verbat sich jedoch „jede Beeinflussung unter Androhung schwerster Strafen". Lieser setzte deshalb auf die Mobilisierung der Bevölkerung.

Die Liesergruppe stellte zehntausende Flugblätter her und verteilte diese mit Hilfe von Widerstandsgruppen. Sie forderten darin die Bevölkerung auf, weiße Fahnen zu hissen und erreichten so, dass am Domplatz und in anderen Stadtteilen weiße Bettücher auf den Dächern ausgelegt oder aus den Fenstern gehängt wurden.

Inzwischen bahnte sich eine Wende an. Der Standortälteste der Lazarette in Halle, Dr. Carl Moritz Seeland, hatte in Begleitung seines Stabsarztes Dr. Hanns Heidecker nochmals den Kampfkommandanten aufgesucht und ihm den Vorschlag unterbreitet, den Norden Halles kampflos zu räumen, dann würde sich die angekündigte Bombardierung der Stadt erübrigen, zugleich dem Führerhauptquartier zu melden, dass Halle erbittert verteidigt würde, allerdings nur der südlich der Franckeschen Stiftungen gelegene Teil.

Dr. Seeland begab sich mit dieser Karte sofort zum Oberbürgermeister in die Moritzburg, wo sich auch der Direktor des Elisabeth-Krankenhauses, Prof. Dr. Walter Hülse, befand, der als Freund von Carl Wentzel nach dem 20. Juli 1944 vorübergehend verhaftet worden war.

Anwesend war auch Felix Graf Luckner, dem der Oberbürgermeister wenige Tage zuvor den Auftrag erteilt hatte, aus ausgewählten Volkssturmmännern und Angehörigen des Werk- und Luftschutzes einen städtischen Sicherheitsdienst gegen Fremdarbeiter und „den Pöbel" aufzubauen. Diese Gruppe entschlossener Männer verlangte vom Oberbürgermeister, „unter allen Umständen das Absetzen der Truppen nach Süden von Rathke zu erreichen" und dann den amerikanischen General von der neuen Sachlage zu unterrichten. Oberbürgermeister Weidemann beauftragte den Grafen Luckner damit, diese gefahrvolle Mission zu übernehmen und begleitete ihn selbst zum Kampfkommandanten.

Luckner fuhr in Begleitung des Majors Huhold in einem mit Rote-Kreuz-Fahnen versehenen Sanitätskraftwagen durch die amerikanischen Linien. Er verwies dort auf die entsetzliche Lage der wehrlosen Verwundeten, Flüchtlinge und Ausgebombten. Der General de la Mesa Allen weigerte sich zunächst, den für Mitternacht angesetzten Befehl zurückzunehmen. In drei Wellen sollten die Bomber die Bevölkerung mit Sprengbomben in den Keller treiben, dann würden neuartige Phosphorbomben eingesetzt, die bis in die Keller durchschlügen, eine Feuerbrunst würde entstehen, die einen Sauerstoffmangel bewirke, man rechne damit, dass etwa 30 bis 40 Prozent der 250.000 Einwohner ein Opfer des Bombardements würden. Halle drohte also das Schicksal Dresdens. Dem rhetorisch versierten Luckner gelang es jedoch, von Kriegskamerad zu Kriegskamerad den General zu bewegen, den Angriffsbefehl um zwölf Stunden zurückzunehmen. Dann wurde an Hand der Karte die Räumung der Stadt bis etwa zu der Lindenstraße, der heutigen Philipp-Müller-Straße, festgelegt.

Dieses vernünftige Arrangement sparte Blutvergießen, und letztlich war auch die Bewahrung Halles vor der Bombardierung durch den Grafen Luckner und seinen Begleiter Major Huhold sowie der Befehl General Rathkes zur Räumung der Innenstadt mit ihren besonders gefährdeten Lazaretten jenseits der Franckeschen Stiftungen ein Akt der Vernunft, den vornehmlich Dr. Weins, Dr. Seeland, Oberst Baltersee, Polizeipräsident Rheins und Prof. Hülse erreichten, während Prof. Lieser und seiner Widerstandsgruppe das Verdienst zukommt, die Bevölkerung mit der „Weiße-Fahnen-Aktion" mobilisiert und erste Kontakte zu den Amerikanern hergestellt zu haben. Das Schicksal der totalen Vernichtung blieb Halle damit erspart

Quelle: Professor Erwin Könnemann, Auszug aus einem im Amtsbaltt veröffentlichtem Aufsatz am 6. April 2005

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