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Archivale des Monats Februar 2020

Bild einer EhrentafelEhrentafel für 50jährige Tätigkeit im Hause Cröllwitzer Aktien-Papierfabrik, Halle Cröllwitz, dem Werkführer Herrn Hermann Arnicke gewidmet (S 3 III 44)
Datierung 1931
Künstler: Hans Werner Schmidt, Weimar, 1920
Herstellung: Rotophot A-G. Berlin
Maße: Blatt 70 cm x 47,6 cm /Platte: 67,3 cm x 44,7 cm

Eine prachtvoll gestaltete Ehrentafel zum 50jährigen Dienstjubiläum befindet sich in den Sammlungen des Stadtarchivs. Sie wurde vom Verband Deutscher Papierfabrikanten an einen langjährigen Mitarbeiter der Kröllwitzer Papierfabrik verliehen. Entsprechend weist die bildliche Gestaltung auf die lange Geschichte und Technologie der Papierherstellung. So hält die links abgebildete Frau einen Spinnrocken als Sinnbild für den aus Flachsfasern bestehenden Leinenstoff. Abgetragene und zerschlissene Kleidungsstücke bildeten bis ins 19. Jahrhundert hinein als Lumpen (Hadern) die Grundlage für das Papier. Der rechts stehende Mann mit Kniebundhose, Schürze und paddelartigem Werkzeug verkörpert den Papiermacher. Dazu sind weiter unten, von zwei Bögen umrahmt eine Papiermühle und das Schöpfen des Papiers zu sehen. Der Grafiker griff dabei auf eine Abbildung in dem bekannten Ständebuch des Jost Amman aus dem 16. Jahrhundert zurück. Die Darstellungen umreißen den Vorgang der über Jahrhunderte üblichen Herstellung, vom Zerstampfen der Hadern in der Papiermühle zu einer Masse bis hin zum Schöpfen der Papierbögen aus der Fasersuspension mit einem feinmaschigen flachen Sieb.
Der mit der Urkunde geehrte Hermann Arnicke wurde 1866 in Kröllwitz geboren und starb 1947. Bereits mit 15 Jahren war er in der Papierfabrik tätig und stieg im Laufe seines langen Berufslebens vom Fabrikarbeiter bis zum Werkmeister auf. Zu seiner Zeit gehörte das handgeschöpfte Papier schon der Vergangenheit an. Dagegen bestimmten Papiermaschinen den Arbeitsablauf. Die äußere Dimension der Papierfabrik Kröllwitz mit mehreren Werksgebäuden und Fabrikschornsteinen entsprach einer modernen auf der Urkunde oben abgebildeten Anlage. Arnicke erlebte die industriellen Veränderungen eines halben Jahrhunderts und war Zeitzeuge des in den 1920er Jahren durch die Papierfabrik verursachten Umweltskandals. Neben der Verschmutzung der Saale beeinträchtigten vor allem die „Cröllwitzer Gerüche“ das nördliche Stadtviertel und erregten den Unmut der Hallenser. Dieser widerliche Gestank war auf die Anwendung des Sulfatverfahrens zur Herstellung von Strohzellstoff zurückzuführen.
Der Verein Deutscher Papierfabrikanten, dem der Direktor der Kröllwitzer Papierfabrik, Louis Keferstein (1824-1889), als Mitbegründer und erster Vorsitzender von 1872 bis 1878 vorstand, verlieh seit Anfang des 20. Jahrhunderts an Arbeiter und Beamte für langjährige Tätigkeit in einem Unternehmen künstlerisch gestaltete Diplome. So wurde 1920 der bekannte Maler und Grafiker Hans Werner Schmidt (1859-1950) aus Weimar mit Gestaltung der vorliegenden Ehrentafel beauftragt, die in mehrfacher Auflage mit den jeweils aktuellen Namen und Anlass versehen über mehrere Jahre vergeben wurde.
 

Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Halle, Standesamt, Heiratsregister Cröllwitz 1892, Sterberegister Halle 1947
Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des Vereins Deutscher Papierfabrikanten, hrsg. Vom Verein deutscher Papierfabrikanten, Berlin 1922.
Tageszeitungen Halle 1926, 1927