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Archivale des Monats März 2021

Das Schreibbuch für Johanna Christiana Scheibler

Ein Rocaille-Rahmen mit Füllhorn- und Blumenranke umgibt die verschnörkelte Schrift des Einbands. Dazu ist rechts eine Dame mit langem ausladendem Kleid an einem Schreibtisch sitzend dargestellt.  Das vor ihr aufgeschlagene Heft zeigt nochmals den Namen der Besitzerin.Einband des Schreibbuchs, 15,4 x 19,5 cm, AquarellmalereiFarbenprächtig und ganz dem Zeitgeschmack des Rokoko verpflichtet ist das „Schreibe Buch für Johanna Christiana Scheiblerin“ aus der zeitgeschichtlichen Sammlung des Stadtarchivs.
Das Datum, 12. März 1771, lässt auf den Anlass für die Entstehung des Büchleins schließen.

Johanna Christiana Scheibler wurde am 13. März 1747 als Tochter des Buchdrucker-Gesellen Johann Wilhelm Scheibler in der Moritzkirche getauft und somit mutmaßlich einen Tag zuvor geboren. Durch Ausübung seines Handwerks war der Vater wie auch andere mit der Buchherstellung in Halle beschäftigte Handwerker „civis universitätis“, also Universitätsbürger, und unterstand damit der Gerichtsbarkeit der Alma Mater hallensis. Wer der Johanna Christiana Scheibler das Büchlein zum 24. Geburtstag verehrte, lässt sich nur vermuten. Es könnte ein Mitglied der Familie oder ein Student der halleschen Universität gewesen sein. Ebenso unbekannt ist der Schöpfer des Einbandbildes. Möglicherweise geht die Gestaltung des Buchdeckels auf einen Universitätsmaler zurück, der sonst Stammbücher hallescher Studenten mit Miniaturmalereien versah.

Ein Rocaille-Rahmen mit Füllhorn- und Blumenranke umgibt die verschnörkelte Schrift des Einbands. Dazu ist rechts eine Dame mit langem ausladendem Kleid an einem Schreibtisch sitzend dargestellt. Das vor ihr aufgeschlagene Heft zeigt nochmals den Namen der Besitzerin. Zu Kreativität und Inspiration beim Füllen der Seiten sollte wohl symbolisch der über ihr schwebende Vogel mit Schreibfeder verhelfen.

Entgegen der dekorativen Einbandgestaltung ist der Inhalt rein praktischer Natur. Die Eintragungen enthalten Rezepte für Quitten- und Birnenkompott ebenso wie für Schwarzbrot-Pudding, feinen Apfelkuchen und Kartoffeltorte. Dazwischen finden sich Anleitungen etwa für die Reinigung von Tuchkleidern und Seidenbändern, Beseitigung von Eier-Flecken auf silbernen Löffeln und Reparatur zerbrochener Gläser.

Wie die gleichbleibende Handschrift sowie gelegentliche Datierung mehrerer Einträge zeigen, wurde dieses kleine Vademecum der Hauswirtschaft über Jahrzehnte hinweg bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geführt. Als spätere Schreiberin kommt eine Auguste Adam aus Leisnig in Frage, die vereinzelt unterzeichnete. Das Büchlein belegt die auf Küche und Haushalt fokussierte Rolle der Frau im 18./19. Jahrhundert.